Peter Doherty – 30.11.2009 – Köln / Essigfabrik
Mein 8 Jahre alter Sohn hatte gestern in der Schule keinen guten Morgen. Nachdem er beim gemeinschaftlichen Absingen eines sehr beliebten Weihnachtsliedes die Lyrics kurzerhand und laut schmetternd in “Fuck, Du Fröhliche” umgetextet hatte, endete der Schultag mit einer ordentlichen Ermahnung und einer saftigen Strafarbeit.
Peter Doherty’s größter Hit heißt “Fuck forever”. Als Pete gestern Abend in der Essigfabrik die ersten Takte dieses ‘Babyshambles’-Klassikers von 2005 anstimmte, rastete der vordere Teil des mit etwa 500 Besuchern zu zwei Dritteln gefüllten Saals vor Begeisterung völlig aus. Die Hände gingen nach oben. Es wurde aus tiefster Seele mitgegröhlt.
Diese Euphorie hatte sich das im Altersspektrum zwischen 15 und 46 Jahren angesiedelte Publikum meines Erachtens recht hart verdient. Die etwa 90 Minuten des dreiteiligen Vorprogrammes habe ich mir zumindest die Beine in den Bauch hinein und einen aufkommenden Schnupfen aus der Nase heraus gelangweilt.
[“I don’t want to change the world, I’m not lookin’ for a new England, I’m just lookin’ for another girl, lookin’ for another girl” (“A New England” - Billy Bragg)]
Dabei war Teil Eins des Supports noch der Spannendste. Er wurde von einer freundlichen, untersetzen Blondine bestritten. Die junge Dame trat etwas zögerlich ans Mikro und machte den Eindruck, als ob sie auf das Rauchverbot im Saal hinweisen wolle. Sie hätte auch durchaus dem Bedauern des Veranstalters Ausdruck verleihen können, dass aus den Coca-Cola Flaschen an der Theke heute Abend versehentlich nur ein geschmacklich fragwürdiges Analogprodukt ausgeschenkt wird. Nicht doch. Stattdessen gab sie lieber drei kurze und gar nicht üble Rapnummern zum Besten. Den Namen der Frau habe ich nicht herausbekommen, und aus dem merkwürdig überraschten Eindruck heraus, der kleine erfrischende Auftritt könnte vielleicht gar nicht richtig zum Programm gehören, habe ich noch nicht mal ein Foto gemacht. Pause.
[“I don’t want to change the world, I’m not lookin’ for a new England, I’m just lookin’ for …”]
Vorprogramm Teil 2 bestand aus dem Auftritt von Doherty’s Kumpel Alan Wass. Pete und Alan standen wohl im letzten Jahr wegen Raub- und Erpressungsverdachtes gemeinsam vor dem Untersuchungsrichter. Beide wurden wegen Mangels an Beweisen nach ein paar Tagen wieder freigelassen. Dumme Geschichte. Kann ja mal passieren. Alan Wass sang also zur akusti-schen Gitarre. Nach dem dritten oder vierten Song mit gefühlt maximal einer Quinte Tonumfang und ähnlich gleichförmiger Intonation, drehte ich mich nach Meinungsunterstützung durch Gleichgesinnte suchend zu einem graubestoppelten Mitvierziger in olivgrüner Althippie-Jacke um, der mit mir an der Stütze der Lichttraverse lehnte:
Ich (witzig): “Sach’ mal, täusche ich mich, oder spielt der immer dasselbe Stück?”.
Er (ernst): “Wieso? Ich find’s echt super. Ist wie so’n junger Bob Dylan, ähnlich tolle Stimme, echt klasse. Das sind halt die Sinuswellen der Mode, was gut ist kommt eben wieder”.
Oh, Shit, ich hatte bei meiner Suche nach Beifall also die Jacke des Kollegen nicht hinreichend gewichtet. Ich überlege noch kurz, ob ich den Typen fragen soll, wie er den Zusammenhang ‘Dylan-tolle Stimme’ hingekriegt hat, und ob ich ihm erklären sollte, dass ich Dylan noch nie so recht leiden konnte und dass, wenn einer Scheißsongs singt, die ganze Sache für mich auch nicht dadurch besser wird, wenn er dabei aussieht und klingt wie Bob Dylan. Das habe ich dann lieber gelassen, weil es natürlich ums Gefallen und beim Thema Bob Dylan auch ein wenig um Glauben geht. Ist komisch, die Stones kann man unbehelligt Scheiße finden, aber bei Bob Dylan verstehen manche echt keinen Spaß. Pause.
[I don’t want to change the world, …”]
Bevor der dritte Teil des Vorprogramms startete, wurden über die Saalanlage schon zum wiederholten Mal diese ca. 15 Sekunden Refrain von Billy Bragg eingespielt. Flashback: Wie geil und spannend war das damals, als dieser noch weitgehend unbekannte Bragg am 7. Juli 1984 auf einem Open-Air im saarländischen St. Wendel ohne bestehende Programmankündigung auf die Bühne ging. Wir alle im Publikum warteten auf Marillion. Dann kam unvermittelt dieser völlig unkomplizierte Typ in Jeans und T-Shirt, mit einer Fender-Telecaster und einem Mini-Amp on Stage und ließ Fish wie eine kostümierte Schnarchnase aussehen. Das war superklasse und alles andere als langweilig. Hat mir aber auch den Spaß am Marillion-Auftritt gedämpft.
Gut. Nach weiteren fünfzehn Sekunden Billy-Konserve präsentierte sich nun ‘Babyshambles’-Drummer Adam Ficek solo zur E-Gitarre. Da ich Billy Bragg im Gegensatz zu Dylan toll finde, war die Diskrepanz zwischen ‘Sinuswellen’-Reminiszenz und Realität der wiederkehrenden Mode noch krasser. Kurz: Adam sah gut aus und es war zum Gähnen.
Pause. Und wieder:
[“I don’t…”]
Peter Doherty betrat so gegen 21.40 Uhr mit einer ziemlich teuer aussehenden Flasche Rotwein und einem gut gefüllten Glas in den Händen die Bühne.
Ich muss zwischendurch etwas erläutern: Bevor meine Tochter mir letztes Jahr auf ihrem MP3-Player “Fuck forever” vorgespielte, hatte ich noch nicht viel Gutes von bzw. über Mr. Doherty gehört. Ich kannte weder ‘The Libertines’ (es gab by the way mal Ende der 80er eine gleichnamige ganz hervorragende US-Indieband, die mindestens ein Inselalbum produziert hat) noch die ‘Babyshambles’. Weil mein Tochterkind aber glänzende Augen bekam, als sie vom Kölner Auftritt des offenbar stark polarisierenden Babyfaces Doherty erfuhr, habe ich ihr und mir nicht nur eine Eintrittskarte sondern auch einen kleinen Querschnitt durch sein bisheriges musikalisches Schaffen besorgt.
Fans halten Doherty für ein bisweilen verkanntes Genie. Ich kann mir nicht erklären, wodurch die Lobeshymnen auf das innovative Talent bis dahin gerechtfertigt waren. Wie der Kamerad in Olivgrün schon sagte, sind es ‘Sinuswellen der Mode’ und die Entwicklung der ‘Libertines’ zu den ‘Babyshambles’ ist die Entwicklung vom verhältnismäßig melodischen Punk der ‘Buzzcocks’ Ende der 70er zum kratzig-schrägen intellektualisierten Postpunk der Mittachziger, wie er etwa von den frühen ‘Sonic Youth’ gespielt wurde.
Das dritte oben abgebildete Werk ist Doherty’s jüngstes Album (Peter Doherty - “Grace/Wastelands” – 2009), ein Soloalbum mit viel Akustikgitarre. Man kann ihn als nicht Eingeweihter auf dieser Scheibe erstmalig als Singer/Songwriter wahrnehmen und, wie ich finde, auch ernstnehmen. Der mittlerweile 30 Jahre alte Pete(r) Doherty ist offenbar nicht nur um ein ‘r’ erwachsener geworden, sondern hat mich mit recht filigranen, leicht theatralisch-depressiv vorgetragenen, melodischen Kompositionen überrascht, die lediglich gegen Mitte des Albums etwas arg sumpfig durchhängen. Mindestens “Last of the English roses”, “New love grows on trees” und “1939 returning” gefallen mir allerdings richtig gut.
O.k., als dritter Mann alleine mit seiner Gitarre ist also jetzt Peter auf die Bühne. Er serviert uns satten, klaren Akustikgitarrensound und eine manchmal ziemlich erkältet klingende Gesangsstimme, die dem Künstler punktuell zum Krächzen wegsackt. Ab Stück Nr. 3 (“Last of the English roses”) wird Doherty ab und zu von zwei Tänzerinnen optisch unterstützt, die im Ballettstil Akzente setzen.
Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern auf der Kölner Bühne ist Doherty ein Performer, der nicht runterschrammelt sondern moduliert, nuanciert, Sprechgesang einsetzt, mal bissig, mal verpeilt, mal herumflachsend, dem Publikum zuprostend, um nach dem Trinken demonstrativ seinen Fingertremor zu überprüfen. Ein Showman.
Nebenbei: Pete hat viele, viele weibliche Fans. Nach über 30 Jahren war gestern mein erstes Rockkonzert, bei dem ich mitbekommen habe, wie BH’s auf die Bühne fliegen. Die hat Pete dann auch gewissenhaft hinter dem linken Amp gesammelt, während er die zugeschleuderten Kondompackungen mit dem Hinweis er sei schließlich katholisch wieder zurück in die feixende Menge warf. Irgendwo da vorne in der kreischenden Meute standen auch meine Tochter und ihre Freundin.
Den Stimmungshöhepunkt bildete alles in allem das besagte “Fuck forever”, ein echter ‘Mitgröhler’. Musikalisch fand ich die zweite Zugabe, ich denke das Stück hieß “Hired gun”, ziemlich gut. Kumpel Alan Wass kam hierfür noch mal auf die Bühne, was in dieser Kombination ein echter Gewinn für beide Musiker war. Davon hätte ich gerne mehr gesehen. Apropos ‘mehr gesehen’: Die reguläre Setlist hatte Pete nach ziemlich exakt 60 Minuten straff beendet.
Fazit: Insgesamt hat mir der Abend doch noch ganz gut gefallen. Ich werde Peter Doherty mit gewissem Interesse weiterverfolgen.
Ach ja, ich muss ernsthaft mit meinem Sohn reden. Unter diesen Bedingungen, kann er sowas einfach nicht nochmal bringen. Da jede Mode wellenförmig wiederkommt würde ich ihm sagen, Junge, probier’s in rund 20 Jahren nochmal.
Ich kann mich an einen Morgen im Sommer 1973 erinnern. Mein Vater legte mir am Frühstückstisch eine feuerrote Agfa C90 Kompaktkassette neben die Nesquik-Tasse. Auf Seite 2 des Tonträgers war in seiner schönen Handschrift “Röhrenglocken” notiert. Das sei etwas Interessantes aus dem Radio vom gestrigen Abend, wollte mein Papa mir erklären. Da hätte einer ganz alleine mit seinem Tonbandgerät herumexperimentiert, mindestens ein Dutzend zum Teil ungewöhnliche Instrumente, wie zum Beispiel die besagten “Röhrenglocken”, selbst gespielt, und das Ergebnis sei ganz toll geworden.
Branson’s Entscheidung unter seinem brandneuen Undergroundlabel ‘Virgin Records’ ausgerechnet mit “Tubular Bells” das erste Firmenprodukt auf den Markt zu bringen, bildete 1973 nicht nur den Grundstein für Oldfield’s einzigartige Karriere, sondern gab gleichzeitig die Initialzündung für Branson’s steil aufstrebendes Konzernimperium, der Virgin-Group mit Medienverlagen, Radiosendern, Mobilfunkfirma und einer Fluggesellschaft.
halten können, wäre zusammen mit Lynyrd Skynyrd auch die damals in den Staaten sehr erfolgreiche deutsche Band ‘Lake’ an Bord der Unglücksmaschine gestiegen. Für Lake wurde allerdings kurzfristig noch ein Radiodate in Atlanta abgemacht.

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