Dienstag, 1. Dezember 2009

F*** Sinuswellen forever

Peter Doherty – 30.11.2009 – Köln / Essigfabrik

Mein 8 Jahre alter Sohn hatte gestern in der Schule keinen guten Morgen. Nachdem er beim gemeinschaftlichen Absingen eines sehr beliebten Weihnachtsliedes die Lyrics kurzerhand und laut schmetternd in “Fuck, Du Fröhliche” umgetextet hatte, endete der Schultag mit einer ordentlichen Ermahnung und einer saftigen Strafarbeit.

Peter Doherty’s größter Hit heißt “Fuck forever”. Als Pete gestern Abend in der Essigfabrik die ersten Takte dieses ‘Babyshambles’-Klassikers von 2005 anstimmte, rastete der vordere Teil des mit etwa 500 Besuchern zu zwei Dritteln gefüllten Saals vor Begeisterung völlig aus. Die Hände gingen nach oben. Es wurde aus tiefster Seele mitgegröhlt.

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Diese Euphorie hatte sich das im Altersspektrum zwischen 15 und 46 Jahren angesiedelte Publikum meines Erachtens recht hart verdient. Die etwa 90 Minuten des dreiteiligen Vorprogrammes habe ich mir zumindest die Beine in den Bauch hinein und einen aufkommenden Schnupfen aus der Nase heraus gelangweilt.

[“I don’t want to change the world, I’m not lookin’ for a new England, I’m just lookin’ for another girl, lookin’ for another girl” (“A New England” - Billy Bragg)]

Dabei war Teil Eins des Supports noch der Spannendste. Er wurde von einer freundlichen, untersetzen Blondine bestritten. Die junge Dame trat etwas zögerlich ans Mikro und machte den Eindruck, als ob sie auf das Rauchverbot im Saal hinweisen wolle. Sie hätte auch durchaus dem Bedauern des Veranstalters Ausdruck verleihen können, dass aus den Coca-Cola Flaschen an der Theke heute Abend versehentlich nur ein geschmacklich fragwürdiges Analogprodukt ausgeschenkt wird. Nicht doch. Stattdessen gab sie lieber drei kurze und gar nicht üble Rapnummern zum Besten. Den Namen der Frau habe ich nicht herausbekommen, und aus dem merkwürdig überraschten Eindruck heraus, der kleine erfrischende Auftritt könnte vielleicht gar nicht richtig zum Programm gehören, habe ich noch nicht mal ein Foto gemacht. Pause.

[“I don’t want to change the world, I’m not lookin’ for a new England, I’m just lookin’ for …”]

IMG_0238Vorprogramm Teil 2 bestand aus dem Auftritt von Doherty’s Kumpel Alan Wass. Pete und Alan standen wohl im letzten Jahr wegen Raub- und Erpressungsverdachtes gemeinsam vor dem Untersuchungsrichter. Beide wurden wegen Mangels an Beweisen nach ein paar Tagen wieder  freigelassen. Dumme Geschichte. Kann ja mal passieren. Alan Wass sang also zur akusti-schen Gitarre. Nach dem dritten oder vierten Song mit gefühlt maximal einer Quinte Tonumfang und ähnlich gleichförmiger Intonation, drehte ich mich nach Meinungsunterstützung durch Gleichgesinnte suchend zu einem graubestoppelten Mitvierziger in olivgrüner Althippie-Jacke um, der mit mir an der Stütze der Lichttraverse lehnte:

Ich (witzig): “Sach’ mal, täusche ich mich, oder spielt der immer dasselbe Stück?”.

Er (ernst): “Wieso? Ich find’s echt super. Ist wie so’n junger Bob Dylan, ähnlich tolle Stimme, echt klasse. Das sind halt die Sinuswellen der Mode, was gut ist kommt eben wieder”.

Oh, Shit, ich hatte bei meiner Suche nach Beifall also die Jacke des Kollegen nicht hinreichend gewichtet. Ich überlege noch kurz, ob ich den Typen fragen soll, wie er den Zusammenhang ‘Dylan-tolle Stimme’ hingekriegt hat, und ob ich ihm erklären sollte, dass ich Dylan noch nie so recht leiden konnte und dass, wenn einer Scheißsongs singt, die ganze Sache für mich auch nicht dadurch besser wird, wenn er dabei aussieht und klingt wie Bob Dylan. Das habe ich dann lieber gelassen, weil es natürlich ums Gefallen und beim Thema Bob Dylan auch ein wenig um Glauben geht. Ist komisch, die Stones kann man unbehelligt Scheiße finden, aber bei Bob Dylan verstehen manche echt keinen Spaß. Pause.

[I don’t want to change the world, …”]

Bevor der dritte Teil des Vorprogramms startete,  wurden über die Saalanlage schon zum wiederholten Mal diese ca. 15 Sekunden Refrain von Billy Bragg eingespielt. Flashback: Wie geil und spannend war das damals, als dieser noch weitgehend unbekannte Bragg am 7. Juli 1984 auf einem Open-Air im saarländischen St. Wendel ohne bestehende Programmankündigung auf die Bühne ging. Wir alle im Publikum warteten auf Marillion. Dann kam unvermittelt dieser völlig unkomplizierte Typ in Jeans und T-Shirt, mit einer Fender-Telecaster und einem Mini-Amp on Stage und ließ Fish wie eine kostümierte Schnarchnase aussehen. Das war superklasse und alles andere als langweilig. Hat mir aber auch den Spaß am Marillion-Auftritt gedämpft.

Gut. Nach weiteren fünfzehn Sekunden Billy-Konserve präsentierte sich nun ‘Babyshambles’-Drummer Adam Ficek solo zur E-Gitarre. Da ich Billy Bragg im Gegensatz zu Dylan toll finde, war die Diskrepanz zwischen ‘Sinuswellen’-Reminiszenz und Realität der wiederkehrenden Mode noch krasser. Kurz: Adam sah gut aus und es war zum Gähnen.

IMG_0239Pause. Und wieder:

[“I don’t…”]

Peter Doherty betrat so gegen 21.40 Uhr mit einer ziemlich teuer aussehenden Flasche Rotwein und einem gut gefüllten Glas in den Händen die Bühne.

Ich muss zwischendurch etwas erläutern: Bevor meine Tochter mir letztes Jahr auf ihrem MP3-Player “Fuck forever” vorgespielte, hatte ich noch nicht viel Gutes von bzw. über Mr. Doherty gehört. Ich kannte weder ‘The Libertines’ (es gab by the way mal Ende der 80er eine gleichnamige ganz hervorragende US-Indieband, die mindestens ein Inselalbum produziert hat) noch die ‘Babyshambles’. Weil mein Tochterkind aber glänzende Augen bekam, als sie vom Kölner Auftritt des offenbar stark polarisierenden Babyfaces Doherty erfuhr, habe ich ihr und mir nicht nur eine Eintrittskarte sondern auch einen kleinen Querschnitt durch sein bisheriges musikalisches Schaffen besorgt.

The Libertines (Time For Heroes The Best Of The Libertines - Front) Downinalbion thumbPeter_Doherty_-_Grace-Wastelands_-_2009-front_cover

Fans halten Doherty für ein bisweilen verkanntes Genie. Ich kann mir nicht erklären, wodurch die Lobeshymnen auf das innovative Talent bis dahin gerechtfertigt waren. Wie der Kamerad in Olivgrün schon sagte, sind es ‘Sinuswellen der Mode’ und die Entwicklung der ‘Libertines’ zu den ‘Babyshambles’ ist die Entwicklung vom verhältnismäßig melodischen Punk der ‘Buzzcocks’ Ende der 70er zum kratzig-schrägen intellektualisierten Postpunk der Mittachziger, wie er etwa von den frühen ‘Sonic Youth’ gespielt wurde.

Das dritte oben abgebildete Werk ist Doherty’s jüngstes Album (Peter Doherty - “Grace/Wastelands” – 2009), ein Soloalbum mit viel Akustikgitarre. Man kann ihn als nicht Eingeweihter auf dieser Scheibe erstmalig als Singer/Songwriter wahrnehmen und, wie ich finde, auch ernstnehmen. Der mittlerweile 30 Jahre alte Pete(r) Doherty ist offenbar nicht nur um ein ‘r’ erwachsener geworden, sondern hat mich mit recht filigranen, leicht theatralisch-depressiv vorgetragenen, melodischen Kompositionen überrascht, die lediglich gegen Mitte des Albums etwas arg sumpfig durchhängen. Mindestens “Last of the English roses”, “New love grows on trees” und “1939 returning” gefallen mir allerdings richtig gut.

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O.k., als dritter Mann alleine mit seiner Gitarre ist also jetzt Peter auf die Bühne. Er serviert uns satten, klaren Akustikgitarrensound und eine manchmal ziemlich erkältet klingende Gesangsstimme, die dem Künstler punktuell zum Krächzen wegsackt. Ab Stück Nr. 3 (“Last of the English roses”) wird Doherty ab und zu von zwei Tänzerinnen optisch unterstützt, die im Ballettstil Akzente setzen.

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Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern auf der Kölner Bühne ist Doherty ein Performer, der nicht runterschrammelt sondern moduliert, nuanciert, Sprechgesang einsetzt, mal bissig, mal verpeilt, mal herumflachsend, dem Publikum zuprostend, um nach dem Trinken demonstrativ seinen Fingertremor zu überprüfen. Ein Showman.IMG_0255 

Nebenbei: Pete hat viele, viele weibliche Fans. Nach über 30 Jahren war gestern mein erstes Rockkonzert, bei dem ich mitbekommen habe, wie BH’s auf die Bühne fliegen. Die hat Pete dann auch gewissenhaft hinter dem linken Amp gesammelt, während er die zugeschleuderten Kondompackungen mit dem Hinweis er sei schließlich katholisch wieder zurück in die feixende Menge warf. Irgendwo da vorne in der kreischenden Meute standen auch meine Tochter und ihre Freundin.

Den Stimmungshöhepunkt bildete alles in allem das besagte “Fuck forever”, ein echter ‘Mitgröhler’. Musikalisch fand ich die zweite Zugabe, ich denke das Stück hieß “Hired gun”, ziemlich gut. Kumpel Alan Wass kam hierfür noch mal auf die Bühne, was in dieser Kombination ein echter Gewinn für beide Musiker war. Davon hätte ich gerne mehr gesehen. Apropos ‘mehr gesehen’: Die reguläre Setlist hatte Pete nach ziemlich exakt 60 Minuten straff beendet.IMG_0269

Fazit: Insgesamt hat mir der Abend doch noch ganz gut gefallen. Ich werde Peter Doherty mit gewissem Interesse weiterverfolgen.

Ach ja, ich muss ernsthaft mit meinem Sohn reden. Unter diesen Bedingungen, kann er sowas einfach nicht nochmal bringen. Da jede Mode wellenförmig wiederkommt würde ich ihm sagen, Junge, probier’s in rund 20 Jahren nochmal.

Montag, 23. November 2009

Das Röhren der Glocken

Heute vor 73 Jahren kam mein Vater zur Welt. Obwohl ich ihn ja naturgemäß schon eine Weile kenne und bereits früh wusste, dass er ein kreativer und vielseitig interessierter Mensch ist, kann ich bis dato noch nicht wirklich beurteilen, wieviel Musikalität meinem alten Herrn wohl mit in die Wiege gelegt wurde. Er hat meines Wissens nie ein Instrument gespielt. Außer ein wenig Brummen im weihnachtlichen Kerzenglanz meiner Kindheit, habe ich ihn auch bewusst nie singen hören. Es schien manchmal sogar fast so, als seien ihm die mit Musik verbundenen Äußerungen von Menschen ein wenig peinlich. Während meine Mutter davon zumindest äußerlich unbeeindruckt den ganzen Tag das Radio dudeln ließ, ihrer musikalischen Begeisterung durchaus Ausdruck verlieh und sich bisweilen auch schon mal eine Single kaufte, wenn ihr ein Stück besonders gefiel, ließ es sich mein Vater, soweit ich mich erinnern kann, niemals anmerken, ob ihm eine bestimmte Musik gefiel oder nicht.

Wirklich niemals?

Falsch.

Agfa Supercolor C90Ich kann mich an einen Morgen im Sommer 1973 erinnern. Mein Vater legte mir am Frühstückstisch eine feuerrote Agfa C90 Kompaktkassette neben die Nesquik-Tasse. Auf Seite 2 des Tonträgers war in seiner schönen Handschrift “Röhrenglocken” notiert. Das sei etwas Interessantes aus dem Radio vom gestrigen Abend, wollte mein Papa mir erklären. Da hätte einer ganz alleine mit seinem Tonbandgerät herumexperimentiert, mindestens ein Dutzend zum Teil ungewöhnliche Instrumente, wie zum Beispiel die besagten “Röhrenglocken”, selbst gespielt, und das Ergebnis sei ganz toll geworden.

Das beeindruckte mich zunächst nicht besonders. In den Ohren eines 10jährigen, der sich ganz gerne die ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck ansah, hörte sich diese Ankündigung irgendwie nach Klangversuchen, lehrreichem Orff’schem Instrumentarium und qualvollen Musikschulstunden an. Außerdem war ich voralarmiert, weil mein Vater mir einige Tage zuvor auf Seite 1 der selben Kassette bereits ein in Kunstkopfstereotechnik aufgenommenes, skurriles, experimentelles Hörspiel  namens “Kerbtierparty” nahebringen wollte.  Ich ignorierte den Tonträger also konsequenterweise.

Am selben Abend, nach dem Abendbrot, ging mein Vater ins Wohnzimmer und setze sich seine Kopfhörer auf. Er legte das besagte Band in unseren Grundig-Stereo-Kassettenspieler, sich selbst den langen Weg aufs Cordsofa und schloss die Augen, um für eine knappe halbe Stunde abzutauchen. Das war im Grunde ein Routinevorgang und nichts wirklich Ungewöhnliches. Was mich dieses Mal aber verblüffte war: Mein Vater schlief dabei nicht ein! Sein Wachzustand war am leichten Hin- und Herwiegen des Kopfes deutlich erkennbar. Er wippte mit seinen Zehen, und ab und zu klopfte er sogar mit einigen Fingern der rechten Hand einen Takt auf seinem Bauch. Sofern überhaupt vorhanden, waren seine Beifallsbekundungen zu Musik  ja normalerweise subliminal. Daher war so etwas für seine Verhältnisse außergewöhnlich und in der Intensität beinahe als Abrocken einzustufen. Ich wurde jetzt also doch noch neugierig, und als er mir von sich aus die Kopfhörer entgegenhielt, hörte ich mir die Aufnahme schließlich an.

Der Radiomitschnitt begann mit der Anmoderation des Kommentators vom NDR. Es wurde kurz skizziert, wie der 19 Jahre alte Oldfield sein Werk auf Anraten eines Freundes einem gewissen Mr. Branson vorgespielt hatte, der bei aller Begeisterung für Oldfield’s ungewöhnliche Musik, noch keine Möglichkeit sah, ihn bei einer Veröffentlichung zu unterstützen. Also hatte Oldfield ein Jahr lang mit seinem selbstproduzierten Instrumentaltape im Gepäck erfolglos die Türklinken  großer Plattenfirmen geputzt. Schließlich stellte er sich recht entmutigt doch noch einmal bei Richard Branson vor. Dessen vormals vage Pläne selbst ein Plattenlabel zu gründen hatten im Laufe des gleichen Jahres tatsächlich konkrete Gestalt angenommen. So sei das Album schließlich doch noch auf den Markt gekommen und habe jetzt bereits in den ersten Wochen nach Erscheinen in England viel Aufmerksamkeit erregt und für ein Instrumentalalbum einen erstaunlichen kommerziellen Erfolg erzielt.

Was der gute Radiomann noch nicht wissen konnte:  Tatsächlich sollte Oldfield’s Erstling mit ca. 17 Millionen verkauften Tonträgern eines der erfolgreichsten Debütalben aller Zeiten werden. Richard Virgin 1973Branson’s Entscheidung unter seinem brandneuen Undergroundlabel ‘Virgin Records’ ausgerechnet mit “Tubular Bells” das erste Firmenprodukt auf den Markt zu bringen, bildete 1973 nicht nur den Grundstein für Oldfield’s einzigartige Karriere, sondern gab gleichzeitig die Initialzündung für Branson’s steil aufstrebendes Konzernimperium, der Virgin-Group mit Medienverlagen, Radiosendern, Mobilfunkfirma und einer Fluggesellschaft.

Nach der einleitenden Moderation folgten nun knapp 26 Minuten mit dem kompletten Part 1 von “Tubular Bells” (Mike Oldfield - “Tubular Bells” – 1973).

Die emotionale Wirkung, die “Tubular Bells” auf mich hatte und immer noch hat, würde ich heute in Anlehnung an das Bild meines zehenwippenden Vaters als ‘lebendige Stille’ beschreiben. Das berühmte hypnotische Pianointro, das Filmregisseur William Friedkin noch im selben Jahr für den Schocker “Der Exorzist” benutzte,  schickte mich schon beim ersten Hören fast augenblicklich in Trance und auf eine kontemplative Reise, bei der ich innerlich Mike Oldfield bei der Entstehung seines Opus Nr. 1 zuschaute. Ich stellte mir dabei also nicht Landschaften oder Farben oder Ähnliches vor, sondern ich dachte an einen jungen Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er saß mit einer Gitarre in der Hand alleine vor einem Tonbandgerät. Er hatte Kopfhörer auf, genau wie ich in diesem Moment. Ich sah und hörte ihn tüfteln, wieder und wieder unterschiedliche Instrumente ausprobieren und sie auf vielen Tonspuren überlagernd aufnehmen. Instrumente, mit denen er in der Lage ist einen erstaunlich homogenen Flickenteppich aus oszillierenden Melodien und Tempi zu weben.

Das Stück enthält einige Pianoparts, aber Gitarren bilden die tragende Instrumentengruppe. Unterschiedliche akustische und elektrische Gitarren in erstaunlichen Soundvariationen von zerbrechlich und filigran bis breit und rockig.Quasimodo Die Einleitung zum Finale des ersten Teils entwickelt sich auf der pulsierenden Ader eines Bass- und Gitarrenthemas, zu dem sich, jeweils durch einen ‘Zeremonienmeister’ angesagt, immer neue Instrumenten hinzugesellen. Diesen Teil fand ich schon beim ersten Anhören besonders faszinierend. Erst als letztes Instrument im ‘Finale Grande’ werden allerdings die ‘Röhrenglocken’, die Tubular Bells, für ihren dramatischen und nur ungefähr 100 Sekunden dauernden klanglichen Beitrag angesagt. Der kleine Filmausschnitt hinter dem Kinoplakat zeigt übrigens nicht Mike Oldfield bei den Aufnahmen zu ‘Tubular Bells’.

Ich habe mich damals gefragt, warum Oldfield sein Stück, das fast 24 Minuten lang keinen Mucks von Röhrenglocken enthält, ausgerechnet ‘Tubular Bells’ getauft hat. Als 10jähriger Bengel konnte ich mir das nicht erklären. 36 Jahre später lautet meine Lieblingserklärung:

Wenn Oldfield dieses fantastische Werk, das ich immer noch so liebe wie beim ersten Hören, ‘Fender Rhodes Grand Piano’ oder ‘Gibson Les Paul Electric Guitar’ genannt hätte, dann wäre dies vielleicht inhaltlich völlig berechtigt gewesen. Ich hätte ich es aber wahrscheinlich nicht kennengelernt. Zumindest nicht so bald und in der oben beschriebenen Weise. Mein alter Herr hätte vermutlich niemals einen Musiktitel aufgenommen, der ‘Gitarren’ heißt. Es wäre völlig uninteressant für ihn gewesen. Ich würde sogar wetten, er hätte sich dieses tolle und nach Jahrzehnten immer noch spannende Stück progressiver Rockmusik noch nicht einmal bis zum Schluss angehört. So etwas muss der damals noch sehr scheue und selbstunsichere Mike Oldfield geahnt haben. Und da ich mir sicher bin, das er wollte, dass ganz viele Leute später einmal sagen, “Dieses Album würde ich mit auf eine einsame Insel nehmen”, hat er es  so interessant gemacht, wie man es mit ganz normalem und einfachen Mitteln nur machen kann. Ohne jeglichen Hype hat sich dieses außergewöhnliche Kunstwerk selbst beworben.

“Thank you, Mr. Oldfield”  und

“Dankeschön und Happy Birthday, Papa”!

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P.S.: Viele Jahre später brachte Mike Oldfield tatsächlich ein Album mit dem Namen “Gitarren” heraus (Mike Oldfield - “Guitars” – 1999). Es ist sehr hörenswert, melodisch, virtuos und abwechslungsreich, wurde aber kein besonderer kommerzieller Erfolg.

Mein Vater hört ab und zu immer noch Radio. “Guitars” kennt er nicht.

Mittwoch, 18. November 2009

Lost by the wayside

Frame 1

CatandduckAm 20. Oktober 1977 stürzte die Privatmaschine der US-Band ‘Lynyrd Skynyrd’ auf dem Flug nach Baton Rouge in einen Wald in der Nähe von Gillsburg im US-Bundesstaat Mississippi. Der Kopf der Band, Singer-Songwriter Ronnie VanZant und Gitarrist Steve Gaines kamen ums Leben, die restlichen Bandglieder überlebten schwer verletzt. Als mir damals mein  jugendlicher Gitarrenmentor Uwe zum ersten Mal “Sweet Home Alabama” vorspielte, war die Band durch den Unfall bereits zur tragisch umwehten Southern-Rock-Legende geworden. Mir fiel es aus diesem Grund immer schwer, das Stück voll und ganz zu mögen…bis im letzten Jahr ‘Kid Rock’ das Gitarrenriff in seinen Superhit “All summer long” einbaute. Wenn man sich im Oktober ‘77 an den ursprünglichen Terminplan hätte Catandduck 2 halten können, wäre zusammen mit Lynyrd Skynyrd auch die damals in den Staaten sehr erfolgreiche deutsche Band ‘Lake’ an Bord der Unglücksmaschine gestiegen. Für Lake wurde allerdings kurzfristig noch ein Radiodate in Atlanta abgemacht.

32 Jahre später: Durch den Herbst 2009 begleitet mich die Doppel-CD “Paradise Way” mit den 24 besten Lake Songs (inklusive des nahezu komplett enthaltenen Debutalbums) und einem gewohnt hässlichen Cover. Ich höre die Scheibe je nach Stimmung beim Autofahren (“See them glow”), beim Hausputz (“Paradise Way”) oder beim Blogschreiben (“Jesus came down”). Ich kriege gute Laune, kann mitsingen, freue mich über das saubere, virtuose Spiel und die zum Teil wunderschönen Melodien (“Hopeless Love”, “Final Curtain”).

Lake

Die Musiker von Lake hatten 1977 eine gehörige Portion Dusel oder den richtigen Riecher. Und sie hatten nicht nur den. Da waren auch noch ganz viel Talent und Perfektionismus. Die Gruppe bestand damals aus Musikern, die sich die ersten drei Jahre nach Gründung der Band ihre Kohle hauptsächlich mit Studiojobs für andere Interpreten zusammenkratzten. Mit dem Briten James Hopkins-Harrison kam die wichtige Garantie für akzentfreien englischen Gesang, der Lake wohltuend von vielen zeitgenössischen deutschen Bands abhob. Wenn Ihr Euch z.B. mal  beim Anhören von Eloy’s “Ocean” auf Frank Bornemanns “Tieäjtsch” konzentriert, kriegt Ihr wahrscheinlich erst ‘n Lachflash und anschließend das Bedürfnis, das an sich supertolle Album zum nächsten Flohmarkt zu bringen.

Zurück zu Lake: Es gab schließlich 1976 eine vielgefeierte Debut-LP, die schlicht “Lake” genannt wurde. Ich finde, sie markiert  leider auch schon den kreativen Höhepunkt der Gruppe. Die folgenden zwei Alben enthielten jeweils eine Handvoll klasse Songs…und das war’s. Schon Titel und Cover des vierten Werks “Ouch!” machten unfreiwillig deutlich: Ab jetzt fängt’s an wehzutun. Lake begannen sich selbst wieder und wieder zu kopieren, perfekte Spielkunst, aber mit immer langweiligeren Songs und Sounds. Kaum jemand kaufte noch ihre neuen Platten. Nach gutem Start und viel Glück waren sie nun doch noch abgestürzt. Was war los mit Lake? Wie konnte es zum Scheitern kommen?

Lasst es uns (mal wieder) oberflächlich und nur mit dem Gefühl betrachten. Hmm…sagen wir… in Form eines Kochrezeptes:

“Lost by the Lakeside” (Lake-Stew für 6 Personen)

Man nehme

Jeweils 100g “Wishbone Ash” , “Beach Boys” und “Steely Dan”

zusammen mit 200g frischem “Boston” (falls “Boston” nicht erhältlich, keine Panik, es tut es auch die gleiche Menge “REO Speedwagon”, dann aber nicht so viel nachsüßen”),

und brate alles gemeinsam in einem großen Tonstudio gut an. Je nach Geschmack mit einem Hauch “Frumpy”, einer Prise “Lucifer’s friend” oder einer Ahnung “Grobschnitt” würzen (Vorsicht, Krautrock schmeckt sehr stark durch, wenn Ihr zuviel nehmt!)

Ihr lasst dass Ganze einen Moment köcheln und füllt den Eintopf, wenn er hinreichend abgekühlt ist, in bunte lustige Förmchen, die Ihr Euch wahlweise aus der Spielzeug oder Bad- und Sanitärabteilung eines großen Kaufhauses Eurer Wahl besorgt habt.

Wenn Ihr das Gericht einer größeren Gesellschaft serviert, müsst Ihr Euch wie ein Moorschrat anziehen. Vollbart und Latzhose wären die minimale Grundausstattung. Ihr ignoriert, dass das nicht zum Essen passt, denn spätestens jetzt wird klar, Ihr kommt aus der norddeutschen Tiefebene.

Es kann passieren, dass Eure hungrigen und wenig verwöhnten Gäste beim ersten Mal trotz irritierender Optik des Kochpersonals und merkwürdiger Verpackung des Essens völlig aus dem Häuschen sind, weil es allen wirklich gut schmeckt. Deswegen ist es ganz wichtig, dass Ihr Ihnen bei Euren künftigen Einladungen immer genau dasselbe vorsetzt und den Gästen spätestens nach dem dritten Essen die Reste mit dem Hinweis, dass es bestimmt auch kalt schmeckt, für den Heimweg einpackt.

Dienstag, 17. November 2009

I read the news today, oh boy…

EBiL …und nicht nur die. Ich sehe fern, lese ein Buch, höre Radio, blättere in der Zeitung, surfe im Internet, höre eine CD, geh ins Kino usw. Bereits der unforcierte Medienkonsum eines mitteleuropäischen Normalbürgers kann enorm sein. Und nicht nur aufgrund von Quantität und Vielfalt entsteht wohl bei jedem das Bedürfnis, ab und zu die Meinung zu dem kundzutun, was ihn besonders nachhaltig beschäftigt. Ich möchte das ab heute in lockerer Folge in Ein Blick in Leben tun. Guckt mal rein.

Freitag, 13. November 2009

Jesus doesn’t want me

Da war es wieder, dieses ungute Gefühl. Es kam genau in dem Moment, als Gary seinen rechten Fuß auf die letzte Stufe zum Giebelstockwerk über der Garage des großzügigen Anwesens setzte. Es war ein Unwohlsein, das ihn trotz des sonnigen Morgens schon in der Zufahrt zum Grundstück  beschlichen hatte. Niemand hatte das automatische Gitter zur Auffahrt geöffnet. Gary Smith war gezwungen gewesen, die entsprechende Magnetstreifenkarte für das codierte elektronische Torschloss aus seiner Mappe zu kramen, die er für solche Fälle bei jeder Montagetour mitzuführen hatte.

Dass man ihm nicht öffnete, war an sich nichts Ungewöhnliches. Es kam des Öfteren vor, dass seine Kunden nicht zu Hause waren. Kunden, denen er ebenso zuverlässig Sicherheitskameras, Überwachungsmonitore, Bewegungsmelder und auf Wunsch einen vollausgestatteten Panic-Room einrichtete, wie er ganz normale Hauselektrik installierte und instand hielt. Zur ganz normalen Elektrik gehörten in dieser Wohngegend allerdings auch die programmierbare Gartenbewässerungsanlage und die defekte Jacuzzipumpe. High Society eben, Jet-Set, Filmstars, Musiker, Theaterleute und Politiker. Eine echt piekfeine Gegend, direkt am Westufer des Lake Washington, ungefähr an der Stelle, an der der See nur durch ein paar schmale dichtbebaute Meilen pulsierendes Central Seattle vom kühlen Nordpazifik getrennt wurde. Gary hatte übrigens ganz nebenbei einmal ausgerechnet, dass er als Monteur einer Firma für Sicherheitstechnik 120 Jahre lang arbeiten müsste, um sich diese noble Hütte irgendeines neureichen Rockstars in dieser Nachbarschaft leisten zu können.

Nein, eigentlich war heute  alles normal. Und doch: Gary Smith war zwar Handwerker, aber auch Sicherheitsmann mit einer gewissen berufsbedingten Paranoia, auf die er insgeheim sogar stolz war. Mit ihrer Hilfe hatte er ängstlichen Kunden schon das eine oder andere nicht zwingend erforderliche Zusatzequipment besonders glaubhaft verkaufen können. Es war für ihn dabei immer eine ordentliche Provision herausgesprungen. Manche wollten eben wirklich auf ‘Nummer Sicher’ gehen und waren bereit, für die Illusion absoluter Sicherheit teuer zu bezahlen. So wie der heutige Kunde: Neuste computergesteuerte Sicherheitstechnik, “State of the art”, volles Programm, der ganze Schnickschnack, obwohl der Vorbesitzer des Hauses vor ein paar Jahren erst ein ordentliches System hatte einbauen lassen. “Spinner”, dachte Gary, aber ihm sollte es recht sein.

Gary seufzte, schob das aufdringliche Unwohlsein beiseite und nahm die letzte Stufe. Auf die Tür am Ende der Treppe hatte jemand mit Temperafarbe ein wenig nachlässig “Greenhouse” gepinselt. Warum der Garagendachboden, der laut Gebäudeplan eher wie ein Atelierzimmer eingerichtet sein müsste, ‘Gewächshaus’ getauft worden war, interessierte Gary nicht weiter. Er hatte in der Villa ein Überwachungssystem zu installieren, und die Stromleitungen für den Frontbereich ließen sich nun mal besonders praktisch über diesen Dachboden verlegen. Das ‘Gewächshaus’ war -wie mit dem Kunden abgesprochen- nicht verschlossen.

Die leichte Holztür ließ sich mit leisem Knarren öffnen, und das erste wovon Gary -trotz der schriftlichen Ankündigung an der Tür- völlig überrascht war, war die stickige, ja fast süßlich-muffige Wärme dieses Raumes. Gary spürte unter seinem Montageoverall augenblicklich eine schwitzige Hitzewallung. Durch das beeindruckende, mehrteilige, wirklich fast gewächshausartige Glaselement in der Dachschräge flutete ein breites, goldgelbes Lichtband in den etwa 40 mal 60 Fuß großen Raum. Wie hypnotisiert starrte Gary auf die von der flach einfallenden Aprilsonne erleuchtete Luft … denn die Luft bewegte sich in lebendigem Pulsieren.

Es war eine vieltausendfache unruhige Bewegung im Licht. Und Gary wunderte sich darüber, dass er erst, als er die Insekten, wahrscheinlich Tausende und Abertausende von Fliegen, erkannt hatte, auch das Summen hören konnte, das er vorher gar nicht wahrgenommen hatte, obwohl er schon ein zwei Meter im Zimmer stand. Dem breiten, goldenen Lichtkegel folgend fiel sein Blick auf den leblosen Körper am Boden in der Mitte des Raumes und Gary konnte den Tod plötzlich auch riechen. Er brauchte noch eine Weile, während derer er nochmals einige Schritte weiter gegangen sein musste, … eine Weile, um zu erkennen, wohin die doppelläufige Schrotflinte, die fast parallel zur Körperachse auf der Brust des toten Mannes lag, zeigte. Das Gewehr deutete auf das Ende eines Halses, welches zugleich den Anfang eines sich schier unendlich ausbreiteten Sees markierte. Ein See aus zäh angetrocknetem Blut, Knochen, Haaren, Zähnen, Gehirnmasse und wimmelnden Insekten. Ein See, in dem Gary Smith, der Sicherheitsmann, in qualvollen Träumen unkontrollierbar ertrinken sollte. Der linke Arm des Leichnams lag nahe am Körper, während der rechte Arm, vermutlich durch den Rückstoß der Waffe weggeschleudert, in einem 90 Grad Winkel vom kopflosen Leichnam wegzeigte, oder besser, wie arrangiert auf etwas hinzudeuten schien. In der Verlängerung der Finger der von der Leichenstarre bereits befreiten Hand, nur wenige Zentimeter jenseits der scharfen, schattigen Grenze des breiten Lichtbandes, lagen ein paar Gegenstände auf den Bodendielen. Ein billiger Kugelschreiber und ein Blatt Papier, auf das jemand mit der Öffnung nach unten einen Blumentopf gestellt hatte. Ein absurder Deckel in einem Gewächshaus des Todes. Gary hob den Topf ohne weiter nachzudenken mit zitternder Hand an. Zum Vorschein kam eine kleine, vertrocknende Lilie, die mitsamt der Wurzel aus dem Erdreich gerissen worden war. Das Papier auf dem die sterbende Blume lag, war mit zwei Zeilen beschrieben. In unruhiger aber deutlich lesbarer Handschrift stand dort:

“Ich fehle Jesus nicht für einen einzigen Sonnenstrahl,

Sonnenstrahlen sind nicht so gemacht wie ich”

Nevermind

Nevermind. Die kurze Geschichte “Jesus doesn’t want me” basiert auf einigen wenigen Fakten über den Suizid von Kurt Cobain und ist in großen Teilen abgewandelt oder frei erfunden.

Ich habe keine Ahnung, ob sich Gary Smith jemals in seinem Leben ein Nirvana-Album angehört hat. Ich weiß auch nicht, ob er nach dem 8. April 1994 überhaupt noch Lust dazu gehabt hätte. Für mich hatte Nirvana bis dahin wirklich das Zeug zu einer Lieblingsband gehabt. Aber Musik hat nun mal viel mit Gefühlen zu tun. Sie besteht auf bestimmte Weise sogar daraus. Und eine Lieblingsband macht nicht nur Musik, die Gefühlserfahrungen auslöst. Vielmehr projiziere ich als Fan mein Bild, das ich liebe, in die Band oder ihre einzelnen Mitglieder. Für jemanden, der sich selbst tötet, habe ich keine angenehmen Gefühle. Und eines kann er für mich sicherlich auf keinen Fall sein: Ein Held. Schade, Kurt Cobain, Du hattest das Talent dazu und der Start war nicht übel. Euer Erstling “Bleach” wird gerade 20. Die Musik finde ich immer noch ganz gut, aber das Gänsehautgefühl, das ich hatte als ich ‘91 “Nevermind” (Nirvana - “Nevermind” – 1991) rauf und runter gespielt habe, ist für immer verschwunden. Ob’s für die Insel reicht weiß ich noch nicht.

“Jesus doesn’t want me for a sunbeam” ist ein Song von den ‘Vaselines’, den Nirvana live gecovert hat. Er ist nicht auf “Nevermind”. Ihr könnt ihn auf der “MTV-Unplugged” CD finden.

Ich mag den Song, weil ich mit ihm Trauer und Wut zugleich empfinde:

“Jesus doesn’t want me for a sunbeam, sunbeams are not made like me. Don't expect me to cry for all the reasons you had to die, don't ever ask your love of me”

(Falls Ihr die erste Zeile übrigens anders als ich in meiner Geschichte übersetzen würdet, schreibt es bitte ruhig im Kommentar)

Der Abschiedsbrief, der am 8. April 1994 bei Kurt Cobains Leiche gefunden wurde, ist etwas länger als in meiner Geschichte und hat einen anderen Inhalt, der jedoch auf seine Weise ähnlich egoman und selbstzerstörerisch absurd ist. Die letzten Worte des Briefes gehen an seine damals noch nicht einmal zwei Jahre alte Tochter Frances: “Für Frances, weil ihr Leben ohne mich so viel fröhlicher sein wird. Ich liebe Dich, ich liebe Dich”.

NotesLiebe Frances,

Du bist kaum älter als meine eigene Tochter und ich wünsche Dir, dass Du Dich von der Selbstbezogenheit, der mörderischen Aggression und der narzisstischen Anmaßung Deines Vaters, Dir mit seiner Selbsttötung für Dein Leben auch noch einen Gefallen getan zu haben, freimachst und lernst selbst zu entscheiden, was Dich glücklich macht.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Double Feature: Ein Kuss ist immer noch ein Kuss und Fremde bleiben Fremde

Nahezu parallel veröffentlichen zwei Bands, die sich ungefähr zeitgleich im Jahr 1977 in mein Leben rockten, ihre neuen Alben. Es geht um Foreigner (“Can’t slow down” - 2009) und Kiss (“Sonic Boom” - 2009).

Aus diesem schönen Anlass bringe ich heute eine kleine Zweifachalbenbesprechung, ein ‘Mini-Double-Feature’, der etwas anderen ArtForeigner - Can't Slow Down.61pLj0dr7-L

 

 

 

 

 

 

Euch fallen sicherlich sofort die Ähnlichkeiten im Layout der Verpackung auf, oder? Keine Ahnung, ob dieselbe Grafikagentur beauftragt wurde, aber in beiden Fällen gibt es Kreisformen auf schwarzem Hintergrund mit einem zentralen Fluchtpunkt, der das Auge des Betrachters sofort in die Mitte reißt. Bei Kiss zunächst, um dasselbe bemitleidenswerte Auge fast im gleichen Moment durch den Ultraknall eines im Cover verborgenen Bassboosters  wieder nach Außen zu schleudern. Ach guck, und in den Ecken entdecken wir bekannte Gesichter bzw. deren stilisierte Images, denn, wie ich lesen muss, stecken links und rechts unten hinter dem Makeup weder Peter Criss noch Ace Frehley, obwohl es immer noch so aussieht. Egal.  Hier sind wir, wer immer wir auch sind, es spielt nicht wirklich eine Rolle, weil wir bzw. unsere Images, unsterblich wie Comicsuperhelden sind. Boom! Die Party findet statt! Und zwar hier und jetzt!  Neue Kissalben kann es aber auch noch in fünfzig Jahren geben.

Beim Foreigner-Cover rast der Betrachter mit Warp-Antrieb und mehrfacher Lichtgeschwindigkeit ins schwarze All und auf eine Art Verkehrsschild mit weinrotem ‘F’ zu, dass ‘Hubble’ wohl bislang in den unendlichen Weiten des Sternenhimmel übersehen hatte. Ob nach unserem Aufprall auf dem ‘F-Schild’ allerdings eine Party stattfindet, kann man noch nicht mit Sicherheit sagen. Wenn es eine gibt, dann ist sie vielleicht nicht so ausgelassen, weil die farbliche Gestaltung eher an Funeralien denken lässt. Haben wir endgültig das letzte Foreigner-Album in den Händen?

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Wir gehen jetzt spaßeshalber mal zurück ins Jahr 1977 (wohin sonst) zu Kiss-Album Nr. 6 (“Love Gun”) und  Foreigners Erstling schlicht “Foreigner”. Siehe da: Wieder ein ähnlicher Bildaufbau, wieder ähnliche Aussagen. Zur Linken wieder Kiss: Während man im Götzentempel von Kissham-City schon mal sich und seine Liebeskanone für die Party, die gleich steigt, scharf macht, wird eben nur noch kurz dem Hofzeichner fürs Gruppenbild posiert. Das filigrane Kunstwerk, das dabei herausgekommen ist, lässt eigentlich nur zwei Fragen offen: 1. Wer von den vier geladenen Guns bekommt denn nur zwei von den scharfen, devoten Miezen ab? und 2. Wie groß ist bei Sex im Trockeneisnebel eigentlich die Gefahr eines Kollateralschadens, weil man aufgrund der Sichtbehinderung mit seiner Lovegun den Bandkollegen trifft? Wieder egal, hier sind wir, wir machen Party und vor allem keine Gefangenen.

Cover

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Zur Rechten stehen stattdessen sechs nachdenkliche Herren im Trenchcoat etwas verloren in der Wüste Gobi vor Modelleisenbahngleisen (Spur 0) der Marke Fleischmann. Man kommt auf eine Frage, die man sich paradoxerweise beim Kiss-Cover nie gestellt hätte. Man fragt sich nämlich: Warum stehen die Typen da? Vielleicht haben sie sich ja im Zug schlecht benommen und der Schaffner hat die Nase endgültig voll gehabt. Drei von den Herren vermissen jetzt ihren Koffer, deswegen sind wohl alle ein wenig traurig. Man kann deutlich sehen, die Party fällt aus. Und es scheint, als überlegten sie schon auf ihrem Debütalbum, ob sie überhaupt weitermachen sollen. Nur nebenbei: Sie haben weitergemacht und wie ihr Euch sicher erinnert, versprach das kokett-provokante Cover des dritten Albums ‘Head Games’ da schon ein wenig mehr Spaß. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Ich weiß, ich weiß, man sagt: “Don’t judge a Platte by it’s cover”.  War ja auch kein Urteil über die Musik. Die finde ich auf allen 4 besprochenen Alben super. Man weiß halt was man bekommt und zwar von Anfang an. Punkt. Kiss, egal ob von ‘77 oder 2009, kann ich übrigens hervorragend zum Putzen hören. Wenn ich zu “Love Gun” den Vorwerk schwinge, bleibt keine Nische ungesaugt. Foreigner hingegen war und bleibt mehr dem eher depressiv-schmachtenden Rocker in mir vorbehalten, der zu “Feels like the first time” auch schon mal den Rauch einer Selbstgedrehten in den herbstlichen Sonnenuntergang hustet.

Long live Rock’n’ Roll !

Samstag, 17. Oktober 2009

Wir schalten um zur Werbung - Von eins auf elf in neunundzwanzigachtundneunzig

Hast Du außer “Supernatural” nichts von Santana im ‘Benno’-CD-Regal ?

Sind Deine Kansas Vinylschätzchen “Point of know return” und “Leftoverture” völlig zerkratzt und abgenudelt?

Du liebst Psychedelic Sound und die Woodstockzeit, kannst aber Jefferson Airplane noch nicht mal buchstabieren?

Du hast noch nie was von Weather Report gehört?

Hattest Du vielleicht schon immer mal Bock auf ein paar knallige Ted Nugent-Alben, aber nu’ gar keine Lust, dem schießwütigen republikanischen Schwulenhasser mit den billigen Machosprüchen allzu viel Eurodollars zu spendieren?

Das alles muss nicht sein!

Sony-BMG hatte möglicherweise die richtige Geschäftsidee, um Dir ein paar von Deinen hart verdienten Flocken für Klassiker aus der Tasche zu holen, für die nun wirklich niemand mehr viel Geld bezahlen möchte: Die ‘Original-Album-Classics’-Serie. Fünf Alben im einfachen Kartonschuber für vierzehnneunundneunzig. O.k., keine ‘Remastered’-Versionen, keine CD-Box. Die ausführlichen Album-Credits kann man sich auf der Seite der Plattenfirma ‘runterladen. Aber hör mal, für das Geld kannst Du die Alben echt nicht selber einspielen.

Ich habe jedenfalls nicht nur meinen Santana-Bestand ergänzt.

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Die Radieschen sind übrigens nur als Vergleichsmaßstab mit auf dem  Bild: Die sind zwar etwas frischer und noch billiger als Ted, aber längst nicht so scharf.